Baumwipfelpfad Neckertal

Baumwipfelpfad Neckertal

Perspektivenwechsel für den naturnahen Tourismus im Toggenburg

Auf Augenhöhe mit den Baumkronen lassen sich die Geheimnisse des Waldes entdecken und das halbe Toggenburg überblicken. Der erste Baumwipfelpfad der Schweiz entstand aus der Idee heraus, den sanften Tourismus in der Region zu fördern und mehr Wertschöpfung im Neckertal zu generieren. Der Erfolg liess nicht lange auf sich warten.

Das Projekt in Kürze

  • Publikumspreis 2021
  • Naturnaher und barrierefreier Erlebnispfad, thematische Führungen
  • 5 Vollzeitstellen, 25 Teilzeitmitarbeitende, 28 Wipfelrangerinnen und Wipfelranger im Stundenlohn
  • Mogelsberg/SG

Es zwitschert, rauscht und knarrt, wenn man auf dem Holzsteg innehält, der sich auf bis zu 45 Meter über dem Waldboden zwischen den Bäumen hindurchschlängelt. Die Blätter und Zweige ragen in den Fussgängerweg hinein und laden ein, sie zu befühlen, zu untersuchen und an ihnen zu riechen. Der Baumwipfelpfad ist ein Erlebnis für alle Sinne. Zudem bieten die zahlreichen Infoposten Einblicke in das Ökosystem Wald und liefern spannende Fakten zu den Waldtieren. Ein Angebot, auf das die Schweiz scheinbar gewartet hat. «Ausgerichtet war der Baumwipfelpfad ursprünglich auf eine Besucherzahl von 30’000 Personen jährlich», sagt Geschäftsführerin Melanie Anon, «doch wir wurden komplett überrannt. Bereits im ersten Jahr zählten wir über 100’000 Besucherinnen und Besucher.» Die Betreiber des Baumwipfelpfads mussten schnell reagieren und ihre Infrastruktur ausbauen. Aus anfänglich drei Festanstellungen und vielen Ehrenamtlichen wurden innerhalb von drei Jahren fünf Vollzeit- und rund 25 Teilzeitstellen. Dazu kommen die 28 sogenannten Wipfelrangerinnen und –ranger, die auf Stundenlohnbasis thematische Führungen in verschiedenen Sprachen anbieten.

Ein Hürdenlauf bis zum barrierefreien Walderlebnis

Bruno Vogt ist Teil des Initiativkommitees und musste sich vielen kritischen Stimmen stellen. «Viele fürchteten den Rummel, der in Mogelsberg entstehen würde. Wir hingegen versuchten, ein Angebot zu entwickeln, das einen naturnahen Tourismus fördert, von dem auch das lokale Gewerbe profitiert», so Vogt. Von Beginn weg wurden deshalb die wichtigsten Voraussetzungen definiert: Es sollten vorwiegend natürliche Materialien aus der Region verwendet und regionale Lieferanten einbezogen werden. Zudem sollte der Pfad barrierefrei zugänglich sein und die Topografie und Biodiversität des Standortes berücksichtigen. All diese Faktoren schaffte ein Projektteam der Berner Fachhochschule in ihrem Gestaltungsvorschlag zu vereinen. Und so gewann ihr Projekt, den ausgeschriebenen Gestaltungswettbewerb. Es entstand ein spektakulärer, organisch anmutender Holzsteg aus modularen Elementen nach Vorbild des Brio-Bahn-Systems, gestützt auf rund 200 Masten aus einheimischem Tannenholz. Das Resultat vermochte schliesslich alle Zweifel auszuräumen. Und auch das anfängliche Parkplatzproblem wurde souverän gelöst mit dem Kauf einer ausgedienten Tennishalle. Von dieser soll schon bald ein neuer Fussgängerweg zum Baumwipfelpfad führen.

Heute geniesst der Baumwipfelpfad eine breite Abstützung in der Region. Sibylle Brunner, von der nahegelegenen Bäckerei Brunner ist begeistert von der Zusammenarbeit: «Seit wir das Wipfelbistro mit Süssgebäck und Brötchen beliefern dürfen, konnten wir unseren Umsatz wesentlich steigern». Eine weitere wichtige Partnerin des Baumwipfelpfades ist die Stiftung Säntisblick, eine Institution für Menschen mit Behinderung. Neben der Herstellung von Holzmedaillen und anderen Souvenirs in ihren Werkstätten, ergänzen drei kognitiv beeinträchtigte Personen wöchentlich das Team im Büro und im Shop. Nicht nur für sie ist die Arbeit an diesem wunderschönen Ort mehr als nur ein Job.

Text: Sarah Eicher
Bilder: Alexandra Rozkosny
Video: Daniel Farrèr

Erschienen im Juli 2021

  • «Über den Baumwipfelpfad zu wandern ist einzigartig und kostbar und unendlich befreiend. Die Winde dort oben erzählen Geschichten und lassen der Phantasie viel Raum. Es ist grossartig, was dieses Team im Neckertal dank sorgfältiger Planung und unter Einbezug vieler lokaler Partner erreicht hat. Das eindrückliche und naturnahe Angebot belebt die Region und zieht viele Besucher und Besucherinnen an.»

    Jury-Mitglied Gabriela Manser