Gesundheitszentrum Unterengadin
Die medizinische Schaltzentrale für das Wohl der Einheimischen und Gäste
Die medizinische Schaltzentrale für das Wohl der Einheimischen und Gäste
Joachim Koppenberg schiebt ein Wägelchen durch den Gang der Notfallstation. Darauf platziert sind ein Tablet, Medikamente und diverses medizinisches Material. Am anderen Ende des Gangs öffnet sich eine automatische Tür. Sie führt direkt zur Pflegestation «Chüra Lischana». Dort trifft er seine Patientin: «Guten Tag Frau Gächter, wie geht es ihnen denn heute?», fragt Joachim Koppenberg. Er ist Chefarzt Anästhesiologie, Schmerztherapie und Notfallmedizin sowie Direktor des Spitals Scuol und Vorsitzender der Geschäftsleitung des Gesundheitszentrums Unterengadin. «Jetzt gerade bin ich als Arzt unterwegs, darum trage ich einen weissen Kittel. Wenn ich als Spitaldirektor unterwegs bin, laufe ich meistens im T-Shirt rum», sagt Joachim. Als Schmerztherapeut behandelt er Frau Gächter etwa vier Mal pro Jahr auf der Pflegestation. «Weil die Pflegestation gleich am Spital angeschlossen und ein Teil des Gesundheitszentrums ist, geht das schnell und unkompliziert», sagt Joachim. Nebst der «Chüra Lischana» und dem Spital Scuol gehören noch drei weitere Alters- und Pflegestationen, eine Rehaklinik, die Spitex, eine Beratungsstelle und das Wellness- und Erholungsbad «Bogn Engiadina» zum Gesundheitszentrum Unterengadin dazu. Also eigentlich alle gesundheitlichen Organisationen in der Region, vereint unter einem Dach – mit Ausnahme der Hausärzte. «Dieses integrierte System erlaubt uns eine viel bessere Koordination und Zusammenarbeit unter den Bereichen. Das klassische Silodenken, also jeder Betrieb schaut für sich, konnten wir so aufbrechen», sagt Joachim.
Joachim kam vor 22 Jahren als Chefarzt zum Spital Scuol. Vorher war der gebürtige Bayer als Arzt an der Uniklinik in Regensburg tätig. Ein Kollege machte ihn damals auf das Stelleninserat im Unterengadin aufmerksam, und so führte das eine zum andere. «Ich kannte Scuol aber bereits vor meinem Studium. Damals war ich ein Jahr als Snowboardlehrer und Bademeister hier», lacht Joachim. Als noch junger Chefarzt musste sich Joachim bereits kurz nach Arbeitsantritt schon mit politischen Themen auseinandersetzen: «Die Gemeinden malten damals ein düsteres Bild der Gesundheitsversorgung in der Region und meinten weitsichtig, wenn wir nicht etwas ändern, haben wir keine finanziellen Mittel mehr». Denn im Kanton Graubünden müssen die Gemeinden die Kosten für die medizinische Grundversorgung tragen. So machten sich Joachim und sein Team zusammen mit dem damaligen Direktor auf die Suche nach passenden Konzepten und stiessen auf das Modell der integrierten Gesundheitsversorgung. «Damals war das noch eher eine Vision. Wir waren uns nicht sicher, ob das auch funktionieren würde». Doch nach ein paar Jahren war schnell klar, dass sich diese Vision als passendes Modell für eine Bergregion wie das Unterengadin durchsetzen würde. Nicht nur die Zufriedenheit der Patientinnen und Patienten sei besser geworden, auch die Kosten konnten sie dadurch im Rahmen halten. «Wir haben beispielsweise statt ein zusätzliches Pflegezentrum zu bauen, die Spitex ausgebaut. So konnten wir Investitionsbeträge in Millionenhöhe einsparen und zugleich dem Wunsch der Bevölkerung nach Hausbetreuung entgegenkommen». Auch eine zentrale Wäscherei, ein einheitliches IT-System oder eine koordinierte Wundbehandlung sind Gründe, die zur Kostensenkung beitragen. Das alles führt dazu, dass die Kosten für die vier Gemeinden im Unterengadin für die gesundheitliche Versorgung heute sehr tief sind. «Im letzten Jahr mussten die Gemeinden noch rund 800 000 Franken für das gesamte Gesundheitszentrum beisteuern, davon nur etwa 145 000 Franken für das Spital. Das entspricht letztlich einer ‹roten Null›. Zum Vergleich: In anderen, vergleichbaren Regionen müssen Gemeinden Millionenbeträge in die Grundversorgen stecken, und das nur fürs Spital», sagt Joachim.
Jury-Mitglied Gabriela Manser
Insgesamt arbeiten rund 450 Personen beim Gesundheitszentrum Unterengadin. Das Zentrum ist somit nicht nur für die Gesundheitsversorgung wichtig, sondern für die gesamte regionalwirtschaftliche und touristische Entwicklung. Dieser Erfolg bleibt auch auf politischer Ebene nicht unbemerkt. «Das Gesundheitszentrum ist ein Vorzeigebeispiel, wie die Gesundheitsversorgung in den Berggebieten umgesetzt werden kann», sagt Peter Peyer, Regierungsrat des Kantons Graubünden, und fügt an: «Die Einheimischen profitieren nicht nur von der medizinischen Versorgung vor Ort, sondern auch von Arbeitsplätzen und damit wichtiger Wertschöpfung, die in der Region erhalten bleibt».
Nach rund 10 Minuten ist die Behandlung bei Frau Gächter fertig. Noch ein kleiner Schwatz, bevor Joachim mit seinem Wägelchen wieder zurück durch die Schiebetür auf die Notfallstation geht. Patientinnen stehen für ihn heute keine mehr auf der To-Do-Liste, jedoch noch einiges an Büroarbeit. Dafür braucht er seinen Kittel nicht. «Ich bin etwa 50 Prozent als Arzt, 30 Prozent als Spitaldirektor und 20 Prozent als Vorsitzender der Geschäftsleitung vom Gesundheitszentrum tätig. Aber für mich ist klar, in erster Linie bin ich immer noch Arzt».